Wer zahlt die Rechnung, wenn KI antwortet?

Warum wir bei all der Begeisterung kurz innehalten sollten…

Auch wir bei den Klickkomplizen nutzen künstliche Intelligenz. Egal ob für Texte, fürs Brainstorming, neue Bildwelten, eine bessere Struktur, vielleicht sogar auch für die Effizienz. KI beantwortet Fragen in Sekunden und kann uns Zeit sparen, indem sie Prozesse beschleunigt. Doch je selbstverständlicher KI wird, desto wichtiger ist es, nicht nur zu fragen: „Was kann KI?“, sondern auch:

Was kostet uns das eigentlich?

Nicht im Abo-Modell oder Monatsbeitrag, sondern an Strom, Ressourcen, Infrastruktur – und vielleicht sogar an Denkfähigkeit. KI kann zwar Stile kopieren, doch sie übernimmt keine Verantwortung, entwickelt keine Haltung und erlebt keine soziale Realität.

Dieser Beitrag ist kein KI-Bashing, sondern ein Perspektivwechsel. Auch wir haben getestet, experimentiert und sehen die Vorteile von KI. Und genau deshalb ist es ebenso wichtig, die andere Seite zu beleuchten.

Während wir staunen, laufen im Hintergrund gigantische Rechenzentren. Jede Antwort verbraucht irgendwo Energie. Und während wir schneller denken wollen, denken wir vielleicht selbst immer weniger. 

Wenn alle nur von Effizienz und Produktivität sprechen, sollten wir uns dennoch fragen:

  • Was bedeutet milliardenfache Nutzung für Energie und Klima?
  • Welche gesellschaftlichen Abhängigkeiten entstehen?
  • Und was passiert mit unserem Gehirn, wenn wir Problemlösungen zunehmend auslagern?

Eine einzelne Textanfrage an ein großes Sprachmodell, z. B. ChatGPT, braucht im Schnitt etwa 0,34 Wh Strom – das entspricht etwa dem Betrieb einer LED-Lampe für 2 Minuten

Das klingt erstmal nach nichts, aber genau da liegt das Problem. Denn KI wird nicht einmal genutzt, sondern hundertfach. Tausendfach. Milliardenfach. Zu häufig wird KI für einfache, banale Aufgaben genutzt, die keinen wirklichen gesellschaftlichen Mehrwert bringen – und genau das erzeugt zusätzlichen Energiebedarf, der über eine reine Verlagerung hinausgeht.

Zum Vergleich: Eine herkömmliche Google-Suche benötigt ca. 0,3 Wh, bei manchen KI-Anfragen ist der Verbrauch bis zu zehnmal höher.

Wenn Deutschland KI ganz normal nutzt (pro Jahr)

Annahme:

  • 50 % der Bevölkerung

  • 10 Anfragen pro Tag

Deutschland: 84 Mio Einwohner

  • 50 % der Bevölkerung nutzen KI → 42 Mio Menschen

  • Jede Person stellt 10 Anfragen pro Tag → 42 Mio × 10 = 420 Mio Anfragen pro Tag

  • Energie pro Anfrage: 0,34 Wh

Eine einzelne Anfrage wirkt harmlos. Doch in der Summe – 420 Millionen Anfragen pro Tag – summiert sich der Stromverbrauch auf über 50 GWh pro Jahr. Genug, um Millionen Badewannen zu füllen.

Würde man die Energie der KI-Nutzung in Leipzig auf Wasser übertragen, könnten 175 Elefanten täglich trinken.

In Sachsen reicht die Energie einer Woche KI-Nutzung, um rund 3 Millionen Liter Bier kalt zu halten.

In Deutschland reicht die Energie einer Stunde KI-Nutzung, um 59.500 Fernseher gleichzeitig laufen zu lassen.

In Leipzig könnte man mit der Energie einer Woche KI-Nutzung 71.400 Tassen Kaffee füllen.

In Sachsen reicht die Energie einer Tag-Nutzung von KI, um etwa 453.000 Handys komplett zu laden.

In Deutschland entspricht die Energie einer Jahr-Nutzung von KI einer Fahrstrecke von rund 347 Millionen Kilometern mit dem Auto.

Und das nur für Textanfragen. Denn Text ist vergleichsweise „günstig“. Bild- und Video-Generierung sind deutlich energieintensiver. Warum? Weil nicht nur Text berechnet wird, sondern Pixel für Pixel neu erzeugt werden. Frame für Frame. Millionen Rechenschritte.

Wenn man die Energie der weltweiten KI-Nutzung für Essen einsetzen würde, könnte man täglich 27 Millionen Menschen mit einer Pizza versorgen – das entspricht gut 3 % aller Hungernden weltweit.

 

Unsichtbar heißt nicht ressourcenfrei

Das Internet hat uns beigebracht, dass digital = sauber ist. Keine Fabrik. Kein Rauch. Kein Tanker. Aber irgendwo laufen Server. Und Server laufen nicht mit Luft und Liebe. Gerade jetzt, wo Klimaschutz und ein bewusster Umgang mit Ressourcen zählen, wirkt so ein Energieverbrauch eher kontraproduktiv.

Das Problem ist aber nicht nur der Strom, sondern auch die Gewohnheit, denn KI ist bequem, zu bequem und Bequemlichkeit skaliert. 

Früher war es:
„Ich google das kurz.“

Heute ist es:
„Ich frag ChatGPT schnell.“

Morgen:
„Ich lass mir 20 Varianten generieren.“

Und übermorgen:
„Mach mir ein Video, ein Reel, ein Keyvisual, ein Whitepaper.“

Denn je effizienter etwas wird, desto mehr wird es genutzt und nicht weniger. Und während wir immer mehr konsumieren, produzieren wir auch immer mehr digitalen Ballast.

Allein der globale Datenberg wächst rasant: Laut Schätzungen werden weltweit über 120 Zettabyte Daten pro Jahr erzeugt. Das sind 120 Milliarden Terabyte an Bits und Bytes, viele davon unnötige Repliken, Backups, Duplikate und alte Versionen. Dieser „Datenmüll“ kostet nicht nur Speicherplatz, sondern bedeutet auch mehr Energie, mehr Kühlung, mehr Infrastruktur.

 

Und was macht das mit unserem Kopf?

Erste Studien zeigen: Wenn Menschen Texte mit KI schreiben, ist die messbare Gehirnaktivität geringer als beim eigenständigen Schreiben.

Außerdem werden Inhalte schlechter erinnert und Informationen weniger tief verarbeitet. Zudem werden Antworten schneller akzeptiert, weniger hinterfragt.

Eine Studie des MIT (Massachusetts Institute of Technology) beobachtete Menschen beim Schreiben mit und ohne KI. Besonders betroffen waren Gehirnregionen für Aufmerksamkeit, Planung, Gedächtnis und tiefes Denken.

Eine weitere Auswertung zeigt, dass:  Ganze 83 % der ChatGPT‑Nutzer:innen wenige Minuten nach dem Schreiben keinen einzigen Satz ihres eigenen Textes mehr wiedergeben konnten, während diejenigen ohne KI oder mit einfacher Suche deutlich besser abschnitten.

Zusätzlich zeigen Studien, dass bei häufiger KI‑Nutzung der kritische Prüfprozess geschwächt wird. Nutzer:innen übernehmen eher Antworten, ohne sie kritisch zu hinterfragen.

Somit entsteht eine Form von „kognitiver Abhängigkeit” und Nutzer:innen verlassen sich mehr auf die KI statt auf ihr eigenes Denken.

 
Abhängigkeiten:
Wer sich zu sehr auf KI verlässt, bindet sich an die Plattform, die Algorithmen und die Verfügbarkeit von Diensten. Entscheidungen werden zunehmend ausgelagert und die eigene Urteilskraft weniger trainiert.

 

Fazit

KI ist beeindruckend, leistungsstark und extrem praktisch. Aber sie hat auch einen Preis: Energie, Ressourcen, Abhängigkeiten.

Deshalb lohnt es sich, bei jeder Anfrage kurz innezuhalten: Muss ich das gerade wirklich mit KI machen? Oder könnte ich auch selbst überlegen, recherchieren oder kreativ bleiben? Einfach drauf los zu promten, ohne bewusst darüber nachzudenken, kostet nicht nur Energie, sondern kann auch die eigene Aufmerksamkeit und Denkfähigkeit schwächen. 

Gleichzeitig kann KI sehr gut unterstützen, beim Schreiben, Strukturieren oder Ideenfinden. Aber wir sollten auch die Menschen dahinter nicht vergessen: Expert:innen, Kreative und Profis bringen Erfahrung, Tiefe und Perspektive ein, die eine Maschine nicht ersetzen kann. Sie wissen oft mehr als Menschen, die nur Stichworte eingeben, und können Zusammenhänge einordnen, die KI noch nicht erfasst. 

Jede Nutzung verbraucht Strom und Infrastruktur, oft mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Unser Blogbeitrag soll genau das greifbar machen und dazu anregen, über die „digitale Unsichtbarkeit“ von Energie und Infrastruktur nachzudenken. Der Vergleich mit dem Gesamtstromverbrauch verdeutlicht die Größenordnung – er dient als Denkanstoß, ersetzt aber natürlich keine exakte energiepolitische Bewertung.

Viele Leser:innen sind mittlerweile auch schon müde von den unzähligen KI-generierten Artikeln, die sich oft sehr ähnlich lesen. KI kann vieles erleichtern und beleben, doch ohne die Erfahrung und das Verständnis von Menschen bleibt KI nur halb so stark.

 

Quellen & weiterführende Links: 
Your Brain on ChatGPT – MIT Media Lab Studie zu Gehirnaktivität & Gedächtnis (Rediminds)
Using AI bots like ChatGPT could be causing cognitive decline (Euronews)
ChatGPT‑Nutzung: MIT‑Studie zeigt Veränderungen im Gehirn (t‑online)
Using ChatGPT weakens memory and intellectual autonomy (Vocal.Media)
 
Hinweise für Grafiken & Zahlen:
The following two tabs change content below.

Katharina

Hallo, ich bin Katharina und unterstütze seit Anfang 2020 das Team der Klickkomplizen im Bereich Grafikdesign. Ich freue mich auf einen kreativen Austausch.

Das könnte dich auch interessieren: